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DAA-Stiftung Bildung und
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P. Rother
letzte Aktualisierung:
12.03.2012

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Bildung
Besser als ihr Ruf
Neue Studien belegen die Wirksamkeit beruflicher
Weiterbildung. Doch die Mittel dafür werden gekürzt
Von Georg Etscheit
Wenn Politiker von der Zukunft des Bildungssystems sprechen, steht das Thema
Weiterbildung ganz oben auf der Agenda. In einer alternden Gesellschaft, der
irgendwann die Fachleute auszugehen drohen, müsse »lebenslanges Lernen« zur
Selbstverständlichkeit werden. Nur mit permanenter Weiterbildung, heißt es in
Sonntagsreden, könne Deutschland im Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen.
Die Praxis sieht anders aus. Noch nie seit der Bildungsexpansion in den
siebziger Jahren steckte das System der beruflichen Weiterbildung in einer Krise
wie heute. Die öffentlich geförderte Weiterbildung arbeitsloser und von
Arbeitslosigkeit bedrohter Menschen, der wichtigste Sektor der Branche, hat
einen beispiellosen Kahlschlag hinter sich. Nach Angaben des Bundesverbandes der
Träger beruflicher Bildung (Bildungsverband) haben seit 2003 etwa 30000 Beschäftigte
bei Weiterbildungsträgern ihren Job verloren. Längst produziert die Branche
selbst in großem Umfang das, was sie eigentlich bekämpfen will:
Arbeitslosigkeit. Weniger düster sieht es bei der betrieblichen Weiterbildung
aus, die zum großen Teil von Wirtschaftsunternehmen bezahlt wird, wenngleich
die schwache Konjunktur auch hier Schleifspuren hinterlassen hat. Der dritte
Sektor, Privatzahler, die selbst in die Tasche greifen, ist hierzulande nur
schwach entwickelt.
»Nach der Wende ist Hinz und Kunz qualifiziert worden«
Schuld an der Misere sind vor allem die Hartz-Reformen und die immer
restriktiveren Budgetvorgaben der Bundesagentur für Arbeit (BA). »Öffentlich
geförderte Umschulungen und Qualifizierungsmaßnahmen haben einen Tiefpunkt
erreicht«, sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Faulstich. Viele
Träger kämpften immer noch gegen eine drohende Insolvenz, ergänzt Peter
Rother, Sprecher des Bildungsverbandes. Nach einer Analyse der Lünendonk-Marktforschung
in Bad Wörishofen ist der Markt der Weiterbildung allein 2004 um rund sieben
Prozent auf ein Volumen von sechs Milliarden Euro geschrumpft. Auch für das
laufende Jahr erwarten die führenden Weiterbildungsunternehmen eine weitere,
wenn auch verlangsamte Talfahrt.
Die deutsche Weiterbildungslandschaft ist schwer überschaubar. Laut Faulstich
tummeln sich hier etwa 30 000 Anbieter, vom Einzelkämpfer bis zu großen
Anbietern mit mehreren hundert Mitarbeitern. Das Spektrum reicht vom einfachen
Computerlehrgang bis zur kompletten Umschulung mit IHK-Abschluss, umfasst öffentliche
Seminare wie firmeninterne Veranstaltungen, Qualifizierungsberatung und
Trainings oder Coachings. Vor allem gemeinnützig tätige Komplettanbieter wie
die der Gewerkschaft ver.di nahe stehende Deutsche Angestellten-Akademie (DAA)
haben schwere Zeiten hinter sich. Deren Umsatz brach von 240 Millionen Euro im
Jahre 2002 auf jetzt 110 Millionen Euro ein und schrumpft weiter. Bis 2006 soll
die Zahl der Mitarbeiter von einst 2000 auf etwa 900 sinken. »Wir wären längst
pleite, wenn wir nicht die Kosten radikal gesenkt hätten«, sagt Karl-Heinz
Brezinski, Geschäftsführer der DAA. Vor allem freie Dozenten leiden unter dem
Preiskampf und müssen sich mit kärglichen Honoraren zufrieden geben.
Ein Auslöser der Misere war eine wissenschaftliche Studie, mit der die
angebliche Wirkungslosigkeit öffentlich geförderter Weiterbildungsmaßnahmen
belegt wurde. Der Wirtschaftsforscher Michael Lechner, damals Mitarbeiter am
Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), wollte
herausgefunden haben, dass Arbeitslose in Ostdeutschland ohne Weiterbildung
bessere Chancen am Arbeitsmarkt besäßen als Leute, die von der Arbeitsagentur
bezahlte Kurse besucht hatten. Das Ergebnis war Wasser auf die Mühlen der
Kritiker öffentlich geförderter Weiterbildung. Parteien wie die FDP und die
Medien nahmen die »Arbeitslosenindustrie« unter Beschuss, die Milliarden an
Steuergeldern für sinnlose Qualifizierungsmaßnahmen ausgebe.
Dass gerade im Osten bei der Bewältigung des Arbeitslosenproblems mit der
Allzweckwaffe Weiterbildung auch Fehler gemacht wurden, lässt sich nicht
leugnen. »Da ist Hinz und Kunz qualifiziert worden. Und manches war
fehlgeleitet«, sagt eine Sprecherin der Arbeitsagentur. Die Republik lästerte
etwa über eine Floristenschwemme in den neuen Bundesländern. »Warum die alle
ausgebildet worden sind, weiß heute keiner mehr.« Politik und Arbeitsagentur
reagierten auf die öffentliche Kritik, indem Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen
stark zurückgefahren wurden. Um den Wettbewerb unter den Trägern zu fördern,
wurden so genannte Bildungsgutscheine eingeführt, mit denen sich BA-Klienten
den jeweiligen Kursanbieter selbst aussuchen können. 2003 beschloss die BA
zudem, nur noch solche Weiterbildungen zu finanzieren, die eine Erfolgsquote von
70 Prozent versprechen. Inzwischen ist die Zahl der Teilnehmer an öffentlich
geförderter Weiterbildung von mehr als 700000 zu den Hoch-Zeiten nach der
Wiedervereinigung auf heute unter 100000 gesunken. Im Jahr 1992 gab die Behörde
noch rund 9 Milliarden Euro für Kurse und Unterhaltsgeld aus – Ersatz für
den während der Kursteilnahme entgangenen Lohn. Im Vorjahr waren es gerade mal
3,5 Millionen Euro. Aktuell kommt noch das Chaos bei der Einführung von Hartz
IV auf kommunaler Ebene hinzu, das den Abfluss der vorhandenen Mittel bremst.
Mittlerweile hat Lechner, der heute an der Universität St. Gallen lehrt, seine
Einschätzungen relativiert. Eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt-
und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zeichnet ein weitaus
freundlicheres Bild von der öffentlich bezahlten Qualifizierungsoffensive im
Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Langfristig, so die Botschaft, lohne sich
berufliche Weiterbildung durchaus. Zwar sinke während der Umschulungen zunächst
die Wahrscheinlichkeit, eine neue Stelle anzutreten. Nach mehreren Jahren überwögen
jedoch die positiven Effekte. Vor allem längere Fortbildungen erhöhen laut der
Studie die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen,
signifikant. Ironischerweise wird momentan aber gerade bei den zeitintensiven
Umschulungen geknausert. Grund: Wechselt ein ehemaliger Empfänger von
Arbeitslosengeld I nach einem Jahr in die Gruppe der Alg-II-Empfänger, muss die
Arbeitsagentur einen so genannten Aussteuerungsbetrag an den Bundeshaushalt
zahlen. Kosten für eine Weiterbildung übernimmt die Agentur deswegen nur, wenn
eine anschließende Beschäftigung noch vor einem Wechsel ins Alg II
wahrscheinlich scheint.
Der Trend geht zu kürzeren Angeboten
Die betriebliche Weiterbildung ist von den politischen und ökonomischen Stürmen
relativ unberührt geblieben. Neuere Zahlen stehen zwar noch aus, doch zeigt
eine 2003 vom IAB veröffentlichte Umfrage, dass vor allem große Unternehmen
viel für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter tun. Nachholbedarf gebe es
allerdings bei kleinen und mittleren Betrieben. »Das Bewusstsein, dass man auch
in schwierigen Zeiten an der Weiterbildung der Mitarbeiter nicht sparen darf,
ist vorhanden«, meint Claudia Büttner, Sprecherin des freien Kongress- und
Seminarveranstalters Euroforum. Das Düsseldorfer Unternehmen, das vor allem
Managerseminare anbietet, wächst stetig. »Weiterbildung ist kein
Auslaufmodell, im Gegenteil«, sagt Büttner. Dass auch große gemeinnützige Träger
im aktuellen Existenzkampf bestehen können, zeigt das Berufliche
Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz). Der Weiterbildungsträger
hat Standbeine wie Schulsozialarbeit oder Zeitarbeit ausgebaut und so die Rückgänge
öffentlicher Mittel kompensiert.
Im Gegensatz zu anderen Ländern spielen Selbstzahler in Deutschland eine
Nebenrolle. »Dieser Sektor ist noch erschreckend unterentwickelt«, sagt
Bildungsverbandssprecher Rother. Weiterbildungsexperte Faulstich erwartet
allerdings, dass gerade dieser Bereich zulegen werde. Der Trend gehe überdies
zu kürzeren Weiterbildungsangeboten, die stärker auf das jeweilige Unternehmen
zugeschnitten sind. Außerdem werde das von den Betrieben als kostensparend
angesehene E-Learning am Arbeitsplatz immer wichtiger. Neue Dynamik erhält der
Weiterbildungsmarkt auch durch die Umstellung der Hochschulabschlüsse auf
Bachelor und Master. Mittlerweile gibt es schon mehr als hundert nur für die
Weiterbildung reservierte BA- und MA-Abschlüsse.
Den Niedergang öffentlich geförderter Qualifizierungsmaßnahmen findet
Faulstich verhängnisvoll, zumal immer stärker das »Matthäus-Prinzip«
dominiere (»Denn wer da hat, dem wird gegeben«): Die ohnehin schon
qualifizierten Mitarbeiter nähmen häufiger an Weiterbildungen teil als weniger
qualifizierte. Schon aus sozialen Gründen handele es sich bei der öffentlichen
Förderung aber keineswegs um ein Milliardengrab, meint Faulstich und resümiert
lakonisch: »Der Nachweis besserer Alternativen steht aus.«
(c) DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
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